Der erste Panik-Verkauf

Es gibt einen Moment im Leben jedes Anlegers, an den er sich erinnert. Den ersten Panik-Verkauf. Nicht den ersten Kauf. Den ersten Kauf erinnern viele als aufregend, als Aufbruch, als Beginn von etwas Neuem.

 

Aber der erste Panik-Verkauf, wenn die Kurse fallen, die Angst steigt, und man einfach nur noch raus will. Egal zu welchem Preis. Das brennt sich anders ein. Und prägt einen, über viele Jahre, ob man will oder nicht.

 

„Wann steig ich wieder ein. Bei minus 30%. Bei minus 50%. Oder gar nicht“

 

Ich habe über die Jahre viele solche Geschichten gehört. Ein Vater eines Kindes aus einem Schulkurs an einer Privatschule, Mitte vierzig, Ingenieur, Ehemann, Familienvater, hat mir erzählt, dass er in der Finanzkrise 2008 seine Positionen verkauft hat. Alles. Bei einem Gesamtverlust von knapp 40%.

Er hatte die Kurse täglich verfolgt, die Nachrichten gelesen, dem Lärm zugehört, und irgendwann die Nerven nicht mehr gehabt. Er verkaufte. Danach, sagte er, sei er drei Jahre nicht mehr zurückgekehrt. Drei Jahre. Und der Markt hat sich in dieser Zeit mehr als nur erholt.

 

„Angst bringt eben nur Angst hervor“

 

Was in diesem Moment des ersten Panik-Verkaufs passiert, ist keine rationale Entscheidung. Es ist das Gegenteil. Es ist die Kapitulation vor der eigenen Angst. Angst und Gier sind die zwei grossen Kräfte am Marktplatz Börse. Die Angst ist die stärkere. Sie kommt schneller, sie wirkt körperlich, sie ist primitiv. Und sie ist, darf man sagen, demokratisch, sie befällt den Anfänger wie den Erfahrenen, wenn das Fundament wirklich fehlt.

 

„Fundamente kann man bauen“

 

Das ist das, was ich seit Jahrzehnten unterrichte. Nicht nur, wie man kauft und auch nicht nur, wie man verkauft. Sondern auch: wie man sich selber richtig kennen lernt.

 

  • Wie man ein Risikoprofil erstellt, das ehrlich ist.
  • Wie man ein Investitionstagebuch führt, das in der Krise als Anker dient.
  • Wie man Bargeld aufbaut, damit man in Krisenmomenten nicht nur aushalten, sondern auch handeln kann.
  • Dass man kaufen sollte, wenn alle verkaufen.
  • Und wie man das Ganze einigermassen richtig anstellen kann. 

 

Das klingt alles immer sehr einfach. Es ist psychisch aber alles andere als einfach. Es ist sehr schwer. Es braucht Anlagen, die nicht alle besitzen.

Und ich rede hier im Moment von einer Art Selbst-Ver-trauen. Also dem Vertrauen in sich selber. Nicht in einen Guru. Nicht in eine Plattform. Nicht in einen Broker. In sich selber. In die eigene Strategie, das eigene System, die eigene Einschätzung.

Die heutige Gesellschaft trainiert das Gegenteil. Schau, was andere tun. Folge dem Trend. Lass andere entscheiden. Kaufe, was andere empfehlen. Klicke, was der Algorithmus dir zeigt.

Immer fremdbestimmt, immer abhängig, immer auf der Suche nach dem Nächsten, der die Verantwortung übernimmt. Und dann, wenn es schiefläuft – und es läuft irgendwann schief – wundert man sich. Oder sucht den Schuldigen ausserhalb. Selten aber bei sich selber.

Der erste Panik-Verkauf ist ein Lehrmeister. Wer ihn ernst nimmt und wer danach nicht einfach weitermacht wie bisher, sondern wirklich fragt: warum habe ich das getan, was hat mich bewogen, was fehlte mir – der kann daraus etwas machen.

Der kann sein Risikoprofil überarbeiten. Der kann ev. seine Positionsgrössen anpassen. Der kann das Investitionstagebuch neu beginnen, diesmal mit ehrlichen Einträgen. Der kann dazu-lernen und besser werden.

Die Tochter des Ingenieurs von oben – sie wollte nach dem ersten Tag schon aufhören – hat am letzten Tag des Kurses ihr Portfolio komplett neu aufgestellt. Nicht weil wir ihr sagten, was sie kaufen soll. Sondern weil sie zum ersten Mal verstand, was sie verträgt. Was zu ihr passt. Was zu ihrem Risikoprofil, ihrer Lebenssituation, ihrer Psyche passt. Das ist Eigenständigkeit in Aktion. Ein 15-jähriges Mädchen, das lernt sein eigenes Vermögen zu verwalten. .

Sie hat aus den Fehlern des Vaters und ihrer eigenen, nur gedachten Vorstellungen etwas gelernt, weil sie eine Woche lang innerhalb der Schule das Verhalten von Kursen live erlebt hat und selber erste Aktien kaufen und verkaufen musste.

Frühes Denken gibt eine erste Vorstellung, aber frühe Praxis verändert. Und ganz nebenbei, die Negativerfahrung des Vaters hat sie natürlich unbewusst mitgebracht und wurde durch diesen Druck des Bessersein-Müssens und dieser Angst zu versagen, tagelang gelähmt.

So ist Leben. Sie ist durch alles hindurch und nicht daran vorbei. Kein Ausweichen. So konnte sie das unbewusste Hemmnis erkennen und in eine eigenständige Entwicklung umformen. Energie ist immer nur Energie. Nun gibt es Menschen, die glauben ihre ewigen Veluste haben nichts mit ihnen zu tun. Na ja…

Jeder erste Panik-Verkauf ist eigentlich die erste ehrliche Begegnung mit sich selber als Investor. Nicht alle nehmen diese Begegnung an. Und nur wenige nehmen sie auch wirklich ernst.

Was langfristige Vermögensaufbauer anders machen:

  • Sie haben eine langfristige Strategie des Vorgehens, die sie auch wirklich verstanden haben und halten sich auch daran.
  • Sie definieren vorab, was sie zu verlieren bereit sind – was mit der richtigen Strategie gar nicht zum Tragen kommt – und halten sich auch daran, nicht erst im Absturz.
  • Sie bauen Bargeld auf, damit Korrekturen nicht Bedrohung, sondern Gelegenheit und Chancen sind.
  • Sie pflegen ihr Investitionstagebuch – als Schutz vor der eigenen Vergesslichkeit in Stressphasen.
  • Und sie halten Unternehemn und Investments mit sehr guten, langfristigen Ertragsausichten.

Wie ich kürzlich geschrieben habe: der Lärm der Märkte ist nicht das Problem. Das Problem sitzt vor dem Bildschirm. Und zwar immer.

 

„Der erste Panik-Verkauf kostet Geld, der zweite kostet Geld und Selbstvertrauen und beim dritten fragen Sie sich, ob Börse wirklich das Richtige ist“

 

Machen Sie lieber aus dem ersten Panik-Verkauf einen tiefen Lernmoment der Ehrlichkeit. Das ist günstiger. Und bringt Sie näher an die Börse, näher zu Ihrem Vermögen und näher zu sich selbst. Und viel näher zurück zur eigentlichen, langfristigen Grundidee > den dadurch erzielten Gewinnen.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen einen wie immer tollen und auftankenden 5vor12 Sonntag. Bleiben Sie dran, geniessen Sie das Leben und helfen und spenden Sie klug – für alle, die in Not sind – der Rest kommt von alleine, … und wie immer…

Weiterhin viel Erfolg beim Investieren, Nachdenken und beim Vermögensaufbau. Denken Sie viel über Ihr strategisches Vorgehen nach, es lohnt sich.

Herzlichst, der 5vor12

Mehr zu unserer Strategie im Buch: 5vor12 – Das Aktien Investing Lernprogramm.

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