Die Angst. Sie klopft nicht an. Sie steht einfach plötzlich im Zimmer. Und gleich hinter ihr, meistens unbemerkt, die Gier. Die beiden kommen selten allein. Zwei Geschwister. Nicht Gegensätze, wie man immer meint. Sondern ewige Zwillinge.
„Wer der Angst die Hand reicht, hat der Gier schon die Tür aufgehalten. Und beide wohnen sie im selben Haus“
Viele Anleger glauben, es handle sich um zwei verschiedene Fehler. Der eine verkauft zu früh aus Angst. Der andere kauft zu spät aus Gier. Ich sehe da keinen Unterschied. Es ist derselbe psychologische Mechanismus, nur mit anderen Vorzeichen. Zittrige Hände hier und kalte Füsse dort. Aber der Ursprung ist immer derselbe. Der ewige Mangel an eigenem Selbstvertrauen.
Die Medien leben von genau diesem Mechanismus. Ein Crash verkauft sich besser als eine ruhige Börsen-Woche. Das war schon immer so. Also wird zugespitzt und dramatisiert. In Rot eingefärbt. Angst verkauft sehr viele Klicks. Und wenn die Kurse dann wieder steigen, wird wieder zugespitzt. Nur diesmal in die andere Richtung. Die Masse springt hin und her wie an einer Schnur gezogen. Und all die vielen Experten, die täglich neuen Rat verteilen, profitieren schlussendlich an diesen beiden Enden.
Ich werfe den Medien nicht die Schuld zu. Das wäre zu billig. Aber wer den ganzen Tag Nachrichten konsumiert, der wird zwangsläufig fremdbestimmt in seinen Entscheidungen. Man wird zum Papageien der medialen Welle. Sprich: Man plappert nach, was man zuletzt gehört hat. Ohne es selber wirklich durchdacht zu haben.
Ein ewiger Kreislauf von Lesen, Nachrichten checken, Lesen, Alarm-Meldungen abschalten, Lesen, Alarm-Meldungen wieder einschalten, Lesen etc. – das ist keine Informationsbeschaffung. Das ist reine Sucht. Zurück aber zum Marktplatz Börse, wo das alles hingehört.
„Wer sehr schnell reich werden will, zahlt immer doppelt. Einmal im eigenen Konto und einmal im verschwindenden Selbstvertrauen“
Ein Baum, der zu schnell wächst, hat auch immer das schwächere Holz. So auch beim Vermögensaufbau. Was schnell wächst, wächst selten stabil. Das gilt für Bäume genauso wie für Portfolios.
Selbst-ver-trauen, das Wort, wenn man es auseinandernimmt, heisst nichts anderes als dem eigenen Selbst zu vertrauen. Obwohl man nicht alles sehen kann. Obwohl man nicht alles wissen kann. Genau das fehlt den meisten. Nicht das Wissen, nicht das Können, sondern das selber Vertrauen in die eigene, funktionelle Strategie.
Angst und Gier greift nur wenn mein eigenes Selbstvertrauen noch nicht so weit ist, die Wechselwirkungen und Zufälligkeiten der Börse zu durchschauen. Um aus dieser Erkenntnis von anfänglicher Intuition zu funktioneller Strategie gefunden zu haben. Nur das gibt echte innere Sicherheit.
Ich weiss auch nicht, ob ich in dem Moment richtig liege, wenn ich halte, obwohl grad alles schreit, man solle jetzt verkaufen. Man weiss es nie ganz sicher. Das ist auch bei mir so. Auch nach all den vielen Jahren an der Börse. Was ich aber weiss: Wann meine Strategie kauft. Und wann meine Strategie verkauft. Ganz ohne Angst und Gier.
„Sicherheit ist kein Gefühl, das man kaufen kann. Sicherheit ist ein System, das man sich immer selber erarbeiten und erschaffen sollte“
Strategie-Treu zu bleiben, ist keine Typenfrage, sondern Übung. Man erarbeitet das, wie einen Muskel. Wer regelmässig Bargeld aufbaut, Sparbeiträge einzahlt, Unternehmen mit Dividenden hält und nicht ständig umschichtet, wird von diesen beiden Geschwistern, Angst und Gier, immer mehr in Ruhe gelassen.
Man verliert diese Angst nicht einfach, aber man gibt ihr nicht mehr diese Aufmerksamkeit. Man verliert auch die Gier nicht einfach, man lenkt sie nur gezielter um. Wirklich verschwinden tun beide nie. Sie gehören zum Leben. Immer. Das muss jeder akzeptieren.
Wie ich neulich schon beim ersten Panik-Verkauf geschrieben habe: Der Moment, an den sich jeder Anleger erinnert, ist selten der erste Kauf. Es ist der erste Verkauf aus Angst. Und meistens folgt kurz danach der erste Kauf aus Gier. Nur um genau diesen Verlust wieder wettzumachen. Ein Teufelskreis, den nur Strategie-Treue auf Dauer, wirklich durchbricht.
„Geduld, Sicherheit und Disziplin sind unbequem. Angst und Gier sind bequem. Das ist der ganze Unterschied“
Was immer hilft, ist ein Investitionstagebuch. Klingt banal, ist es aber nicht. Wer aufschreibt, warum er ein Unternehmen kauft, kann später nachlesen, ob Angst oder Gier mitgeschrieben haben oder ob es tatsächlich mein Risikoprofil und die langfristigen Ertragsaussichten waren, die den Ausschlag gaben. Fehlentscheide werden so sichtbar. Nicht ungeschehen. Aber immer sichtbar.
Klingt nach Arbeit. Ist es aber nicht. Wer als Privatanleger aufschreibt, warum er kauft oder verkauft, der erkennt immer die gleichen Fehlverhalten. Die gleiche Verwirrtheit. Die gleiche Selbsüberschätzung. Die gleiche Angst und Gier. Die gleiche Überpositionierung. Die gleiche Strategielosigkeit. Bleiben Sie nie in diesem verhaftet. Nehmen Sie eine Strategie, die zu Ihnen passt. Der Rest kommt, oder geht dann, ganz von alleine.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen wie immer, eine starke Woche, Mut, Sammlung, Konzentration und beste Gesundheit. Bleiben Sie dran, der Rest kommt von allein. Grüsse,… und natürlich wie immer…
Weiterhin viel Erfolg beim Investieren, Nachdenken und beim Vermögensaufbau. Denken Sie viel über Ihr strategisches Vorgehen nach, es lohnt sich.
Herzlichst der 5vor12
Mehr zu unserer Strategie im Buch: 5vor12 – Das Aktien Investing Lernprogramm
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