Immer vertraute ich in schwierigen Börsenphasen mehr meinem Bauchgefühl als jeder Art von Chart-Analyse und fundamentaler Daten. Erst viel später begriff ich, was das bei mir wirklich war und warum das auch durchaus Sinn machte.
Das Bauchgefühl war nämlich nie Zauberei. Es war einfach die Summe aus vielen durchgestandenen Krisen und durchgehaltener Strategie, die sich irgendwo in meinem Körper festgesetzt hatten. Gut verarbeitete Psychologie, praktisch verwoben mit angewandter und unterstützender Technik.
„Ein Anleger mit schwacher Psyche und perfektem System verliert trotzdem, ein Anleger mit starker Psyche und mittelmässigem System gewinnt meistens“
Man kann das schönste Risikoprofil der Welt ausarbeiten, das durchdachteste System, wenn die Psyche im entscheidenden Moment nicht mitmacht, ist alles Papier. Seelische Stabilität lässt sich nicht in eine Exceltabelle schreiben, wohlgemerkt, so gerne man das auch täte. Unverständlich? Ich glaube nicht.
Unsere Zeit tut sich damit zunehmend schwer, das darf man ruhig aussprechen. Für jedes Unbehagen gibt es heute ein Label, für jede Enttäuschung eine Erklärung, warum man selber keine Schuld trägt. Das ist bei den Jungen besonders ausgeprägt.
Wer schon als Kind, oder auch als Lehrling im ersten Berufsjahr, bei jedem Rückschlag sofort aufgefangen wurde, bei jedem verlorenen Spiel trotzdem eine Urkunde bekam, der hat später an der Börse ein echtes Problem. Denn die Börse fängt niemanden auf. Sie gibt keine Trostpreise. Sie ist, wenn man so will, die letzte ehrliche Institution, die übrig geblieben ist.
Ein ewiges Ausweichen, Rechtfertigen, Ausweichen, Delegieren, Ausweichen, sich beklagen und wieder Ausweichen. Und am Ende hat man trotzdem verkauft, im Minus, aus reiner psychischer Erschöpfung. Kommt also die wichtige Frage, was man dagegen tun kann.
Wenn ein Fluss über die Ufer tritt, ist es meistens nicht der Regen von jetzt. Es ist der von vor Stunden, Tagen, Wochen, der sich irgendwo weiter oben gesammelt hat. So auch bei der Psyche. Was an einem schlechten Börsentag überläuft, hat sich schon Wochen und Monate vorher angesammelt.
Meine Grosseltern haben zwei Weltkriege, eine grosse Wirtschaftskrise und mehrere Währungsreformen erlebt und trotzdem, wenn ich mit ihnen über Geld sprach, wirkten Sie immer sehr gelassen. Sie haben damals schon alles unternehmerisch selber verwaltet. Und sie hatten wirklich etwas zu verlieren, aber was sie hatten, haben sie nie in Panik verkauft, auch nicht damals, als es wirklich eng wurde.
Ich fragte sie einmal, wie sie das ausgehalten haben, all die Krisen. Sie meinten nur, man gewöhne sich an das Aushalten, wenn man gar keine andere Wahl hat. Kein grosser Satz, keine Weisheit zum Einrahmen, einfach diese trockene Feststellung.
Das ist psychische Stärke. Nur ungefragt antrainiert. Es wurde ihnen aufgezwungen. Das, wovon heute alle davonlaufen. Ewige Jugend, keine Verpflichtungen, perma Selbstverwirklichung etc. Leider vergessen viele, ohne ein gutes Umfeld, gibt es kein gutes Leben. Das alles ist aber nicht selbstverständlich. Es wurde aufgebaut, erschaffen, von vorangegangenen, genügsameren Generationen.
„Wer noch nie einen Verlust ausgehalten hat, weiss auch nicht, ob er reich werden kann, er weiss nur, dass er es noch noch nie versucht hat“
Ihre ungewöhnlichen Tipps:
- Zittrige Hände sind ein erstes Warnsignal, nicht aber ein Grund zum Verkaufen.
- Deine Strategie ist und bleibt auch immer dein einziges Schiff / Rettungs-Boot, auch im allergrössten Sturm.
- Ein Nagel im Boden, in den man immer wieder tritt, sollte man hauszuziehen.
- Aus Fehlern lernen und mit ihnen umgehen. Nicht sie wiederholen.
- Selbstüberschätzung nach guten Ergebnis-Jahren, zerstört diese Ergebnisse sofort wieder. Zurück auf Einstand.
- Wer die Kontrolle über sein Vermögen und seine Entscheidungen abgibt, hat schon alles verloren.
- Nie aufhören an sich zu arbeiten. Man wird ja nur besser.
- Niemand hat je gesagt, dass das Leben gerecht ist. Ebenfalls hat nie jemand gesagt, dass ich es, oder ich mich nicht verändern könnte.
Ver-antwortung, das Wort, wenn man es auseinandernimmt, heisst nichts anderes als sich die Antwort auf etwas geben. Nicht die Schuld bei anderen suchen, sondern selber eine Antwort haben, auf den Markt, auf den Rückschlag, auf sein Verhalten, auf neue Veränderungen, auf mich selber.
Und, auch ich hab immer Phasen gehabt, in denen ich nicht ganz ehrlich war mit mir, das gebe ich zu, man will sich ja nicht eingestehen, dass die eigene Angst und nicht der Markt das Problem war, das braucht schon seine Zeit, bis man soweit ist.
„Selbstvertrauen ist kein Gefühl, das man morgens einschaltet, es ist ein Arbeitsergebnis, das man sich über Jahre aufgebaut hat“
Was hilft, ist Wiederholung, sprich: Krisen bewusst durch zu leben, anstatt sie zu vermeiden. Ein Investitionstagebuch, in dem man z. Bsp. auch die schlechten Tage und allfällige Ausreden festhält. Nicht nur die guten. Und ev. ein Gespräch mit jemandem, der schon länger dabei ist als man selber.
Eigenständigkeit und Geduld und Disziplin lassen sich nicht kaufen, so gerne die Werbung einem das auch verspricht. Sie entstehen aus Fleiss, aus Sparbeiträgen, die man auch in schlechten Monaten einzahlt, aus einem System, dem man auch dann noch vertraut, wenn grad alles dagegen zu sprechen scheint.
Über die Einfachheit habe ich hier kürzlich geschrieben, und dieser Beitrag gehört im Grunde direkt dazu. Ein einfaches System nützt nämlich nichts, wenn die Psyche dahinter nicht mitzieht. Diese Geschreibseleien sind kein Ersatz für die eigene Erfahrung. Die aber, holt man sich an der Börse, eben immer nur mit sich selber.
„Der Markt prüft nicht Ihr Wissen, er prüft, wie lange Sie sich selber aushalten“
Halten Sie sich aus. So lange Sie sich brauchen. Erst im Alter merkt man leider, dass das nicht für immer sein wird. Kaufen Sie Unternehmen mit Zukunft. Diversifizieren Sie über Assett-Klassen und lernen Sie richtig, auf was es ankommt. Dann bleiben Sie im Rennen. Vermögensaufbau ist ein Marathon, kein Sprint. Junge Menschen haben die Zeit auf ihrer Seite. Nutzen Sie sie, anstatt sie zu verblöden.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen eine tolle Woche, viel Geduld, Mut und geistige Sammlung. Beste Gesundheit. Bleiben Sie dran, der Rest kommt von allein. Grüsse,… und natürlich wie immer…
Weiterhin viel Erfolg beim Investieren, Nachdenken und beim Vermögensaufbau. Denken Sie viel über Ihr strategisches Vorgehen nach, es lohnt sich.
Herzlichst der alte 5vor12
Mehr zu unserer Strategie im Buch: 5vor12 – Das Aktien Investing Lernprogramm
Ausführlicher Disclaimer / Haftungsausschluss / Risikohinweis

