Ein Kind braucht keine fünf Jahre Ausbildung, um zu verstehen, ob ein Unternehmen gute Limonade verkauft oder schlechte. Erwachsene schon. Erwachsene bauen sich zuerst zwölf Excel-Tabellen, bevor sie überhaupt eine Entscheidung treffen. Warum.
„Kompliziert ist meistens nur ein anderes Wort für unsicher“
Viele Anleger verwechseln Komplexität mit Sorgfalt. Je mehr Kennzahlen, je mehr Modelle, je mehr Excel-Reiter, desto sicherer fühlt man sich, glaubt man jedenfalls. Nur, sicherer wird man dadurch selten. Vor allem dann nicht, wenn man grad am meisten Zweifel hat. Man wird bloss langsamer. Klingt plausibel. Ist es auch. Machen tun es trotzdem alle. Komplexität vermittelt Sicherheit.
Die ganze Finanzindustrie lebt wohlgemerkt davon, dass Sie glauben, Investieren sei kompliziert. Je komplizierter es wirkt, desto mehr braucht man ja einen Berater, ein Produkt, eine App mit Ampelsystem, ein Abo, einen Robo-Advisor, etc., der einem die Entscheidung angeblich abnimmt.
Dahinter steckt selten böser Wille, meistens einfach nur ein gut funktionierendes Geschäftsmodell. Aber, das Ergebnis ist immer dasselbe: Der Anleger fühlt sich zunehmend unfähig, selber zu urteilen, sprich: er ist immer mehr fremdbestimmt.
Dabei verstehen es sogar unsere Lehrlinge im Büro schneller als mancher mit Doktortitel, wenn man es ihnen einmal in Ruhe richtig erklärt. Und genau das ist es was was Vermögensaufbau eigentlich sein sollte. Einfachheit.
In unserer Familie hielten mein Grossvater und mein Vater nur immer SMI-Titel. Und junge, aufstrebende Schweizer Firmen. Beide waren Unternehmer. Wir halten bis heute noch immer dieselben zwölf bis fünfzehn Unternehmen, in der Basis, die sie damals gekauft haben
Kein einziges Mal ein Robo-Advisor, kein Backtesting-Tool, keine Trading-App mit Push-Benachrichtigungen. Sie mussten noch Anrufen um Unternehmensbeteiligungen zu kaufen. Und hielten sie noch physisch im Tresor. Was wir auch heute noch so halten.
Sie beharrten immer darauf, nur ungefähr zwei Stunden pro Quartal für ihre Unternehmen aufzuwenden. Zwei Stunden. Nicht pro Monat. Pro Quartal. Ihr Grundsatz:
„Wer sein Depot jeden Tag anschaut, verwaltet nicht dasselbe, sondern nur seine eigene innere Unruhe“
Wohlgemerkt. Das muss man können. Die meisten Menschen haben heute ein grosses Problem mit Angst, perma Negativität, Mangel an Selbstvertrauen, grosser, innerer Unruhe und Nervosität. Und vor allem: Sie hören ständig auf andere. Und auf solche, die es ja auch nicht können. So kann das nicht gehen. Geschweige denn funktionieren.
Längere Geistesgegenwart und 2-stündige Dauersammlung ist für die meisten Menschen heute gar nicht mehr möglich. In unserer Familie ist und war das immer eine Grunddisziplin. Eine Lebensschule.
Der Fairnis halber muss ich schon sagen, in der Einarbeitungszeit, wo man beginnt Unternehmen zu analysieren, Geschäftsberichte zu lesen und Kennzahlen zu verstehen, hat man schon mehr Zeit, die man hineingibt.
Danach aber, wenn man seine Unternehmen, auf die man sich fokussiert und für längere Zeit hält, gewählt und durchgearbeitet hat, hat man kaum noch Arbeit. Das ist das Geheimnis des Fokussierens. Das Vorgehen ist wie eine Schablone. Immer der gleiche, sich wiederholende Ablauf. Der Rest ist psychologische Stärke und innere Charakterfestigkeit.
Sie haben einmal im Quartal und in 2 Stunden entschieden: Wo nehmen sie Gewinne mit, wo bauen sie Positionen ab, wo bauen sie Positionen wieder auf mit den Gewinnen, und schlussendlich, wo muss ein Unternehmen verkauft werden, weil es Krebs hat und unendlich krank geworden ist. Was sehr selten der Fall war.
Und wir reden hier von einem Millionen-Depot. Kein Wenn und Aber. Dieser Herren hatten Entscheidungskraft und Kompetenz. Darum verdienten sie ja auch Geld und waren Unternehmer. Und sie hatten klare Richtlinien wie sie es machen wollten.
- Einfachheit und Funktionalität der Investmentidee, also des Geschäftsmodells, statt viele mathematische Kennzahlen aus der Vergangenheit.
- Langfristigkeit statt täglicher Kurscheck.
- Wenige, aber persönlich verstandene Unternehmen. Anstelle hundert halb verstandener Ideen.
- Kontrolle des visuellen Geldflusses auf Monatsbasis. Sprich Charts auf Monatsbasis.
- etc. etc.
Ich giesse meine Pflanzen einmal pro Woche. Nicht mehr, nicht weniger. Manchmal vergesse ich es sogar, und trotzdem stehen sie immer noch da. Ein Portfolio ist da nicht viel anders. Ständiges Begiessen macht es selten gesünder. Und glauben Sie mir. Es braucht sehr viel, bis etwas wirklich kaputt geht. Aber das heutige Dauerrennen und tägliche Kaufen und Verkaufen schaft es locker. Danach sind Sie arm. Und Ihr Depot zerstört.
Ein-fachheit, das Wort, wenn man es auseinandernimmt, heisst nichts anderes als einfach ein Fach haben, in dem man sich auskennt. Nicht zwanzig Fächer halb. Sondern eines richtig. Und dann langsam das nächste und wieder das nächste.
Bei 12 Unternehmen merkt jeder: Der Tank ist langsam voll. Mehr kann man fast nicht mehr überblicken und begleiten. Einige schaffen 15, das ist immer individuell. Und mehr braucht es auch nicht. Fokussieren heisst immer auch wissen, was ich tue. Ohne das geht es natürlich nicht. Wer so arbeitet, muss das können.
Und, ja, ich weiss, das klingt jetzt fast zu simpel für einen Blog über Börse. Ist mir schon bewusst. Aber manchmal ist genau das der Punkt, den keiner hören will. Weil es sich nicht nach Arbeit anfühlt, obwohl es das anfänglich, natürlich immer ist.
„Einfach ist nicht dasselbe wie leicht. Einfachheit muss man sich erarbeiten, bevor man sie geniessen kann“
Was hilft, ist ein Risikoprofil, das man einmal ehrlich festlegt, und danach ein System, an das man sich hält. Ein Investitionstagebuch mit z. Bsp. vier, fünf Fragen und Bilanzkontrollen pro Kauf, allfällige Zweifel gleich mit aufgeschrieben:
- Verstehe ich das langfristige Geschäftsmodell des Unternehmens, Ideentechnisch.
- Würde ich es auch kaufen, wenn die Börse für fünf Jahre geschlossen bleibt.
- Wo sind die zukünftigen Chancen und Risiken.
- Steigen die vergangenen 10-jährigen Gewinne, Umsätze und die langfristigen, 10-jährigen Gewinnausichten regelmässig und unter Schwankungen an (Siehe langfristiger Monatschart).
- Wie stabil sind die vergangenen Dividenden-Ausschüttungen.
- etc. etc.
Strategie-Treu zu bleiben ist am Ende simpler, als die meisten Ratgeber einem weismachen wollen. Bargeld aufbauen, Sparbeiträge einzahlen, in Eigenregie Unternehmen mit Dividenden halten, Kapitalerhalt vor kurzfristigem Kick, fertig ist die Strategie. Kein Algorithmus nötig.
Über Ruhe und über das Gleichgewicht zwischen Angst und Gier habe ich hier ja schon geschrieben. Einfachheit ist eigentlich die praktische Seite von genau demselben Gedanken. Diese Geschreibseleien ändern nichts an der Grundwahrheit: weniger ist meistens mehr.
„Wer die Einfachheit sucht, muss zuerst mit der eigenen Komplexität aufräumen“
Und schlussendlich. Wählen Sie Ihre eigene, passendere Strategie, wenn das nichts für Sie ist. Möglichkeiten gibt es genug. Aber seien Sie auf der Hut. Alle wollen immer nur Ihr Bestes, nämlich Ihr Geld. Alles was Sie nicht kontrollieren, gehört Ihnen auch nicht und ist ausserhalb Ihres Zugriff-Bereichs. In der heutigen Zeit immer wichtiger.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen ein klare Woche, Sammlung, Mut und beste Konzentration und aller beste Gesundheit. Bleiben Sie dran, der Rest kommt von allein. Grüsse,… und natürlich wie immer…
Weiterhin viel Erfolg beim Investieren, Nachdenken und beim Vermögensaufbau. Denken Sie viel über Ihr strategisches Vorgehen nach, es lohnt sich.
Herzlichst der alte 5vor12
Mehr zu unserer Strategie im Buch: 5vor12 – Das Aktien Investing Lernprogramm
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