Warten ist keine Schwäche. Es ist eine der seltensten Fähigkeiten überhaupt. Wer heute an der Börse aktiv ist, hat Zugang zu mehr Informationen als je eine Generation vor ihm. Sekundenschnelle Kurse, endlose Analysen, Prognosen ohne Zahl – alles verfügbar, alles kostenlos, alles sofort. Man könnte meinen, das sei ein Vorteil. Ich meine, es ist das Gegenteil.
„Wer zu viel weiss, handelt zu viel. Wer zu viel handelt, verdient zu wenig. Das ist keine Kritik – das ist einfache Erfahrungs-Mathematik.“
Ich habe in meiner Zeit an der Börse sehr viele Anleger kommen und gehen sehen. Die meisten sind nicht an schlechten Unternehmen gescheitert. Sie sind an der eigenen Ungeduld gescheitert. Ungeduld ist die teuerste Emotion, die man an einem Marktplatz Börse mitbringen kann. Teurer als Gier. Teurer als Angst.
Es gibt einen Unterschied zwischen Nichtstun und Geduld. Nichtstun ist passiv. Geduld ist aktiv. Wer geduldig ist, hat eine Strategie. Wer nichts tut, hat keine.
Schauen Sie sich einmal an, wie ein Baum wächst. Nicht täglich sichtbar. Nicht messbar von Woche zu Woche. Und trotzdem – nach zwanzig Jahren steht er da. Solide. Unverrückbar. Der Bauer der jeden Morgen nachsieht, ob der Baum schon grösser geworden ist, versteht das Thema Wachstum nicht. Und, er versteht die Zeit nicht.
„Geduld ist nicht das Gegenteil von Handeln – sie ist die Voraussetzung dafür, dass Handeln einen Sinn ergibt.“
Ein Bekannter sagte mir mal: „Ich halte es einfach nicht aus, zuzuschauen.“ Er meinte die Kursbewegungen. Er meinte das Auf und Ab. Er öffnete sein Depot auf dem Telefon – er hatte in einem einzigen Quartal siebzehn Transaktionen gemacht. Siebzehn. Bei einem Depot, das eigentlich für langfristige Ertragsaussichten aufgebaut sein sollte. Ich fragte ihn, was er damit verdient hatte. Er rechnete kurz. Dann sagte er nichts mehr.
Das, was diesen Mann antrieb, war kein schlechter Charakter. Es war das Gefühl, etwas verpassen zu können. Das Gefühl, dass irgendwo gerade jemand anderes klüger handelt, besser positioniert ist, mehr verdient. Dieses Gefühl ist mächtig. Und es ist, fast immer, falsch. Und es ist leider typisch für viele Privatanleger.
Die Medien helfen dabei natürlich nicht. Im Gegenteil. Täglich neue Schlagzeilen, täglich neue Experten, täglich neue Alarmstufen. Einmal ist es die Inflation, dann die Rezession, dann der Krieg, dann der nächste Krieg, dann ein Virus, dann ein Zoll, dann ein Tweet.
Und zu jeder dieser Schlagzeilen wird dann auch grad noch die Lösung mitgeliefert. Verkaufen. Absichern. Umschichten. In Cash gehen. Und drei Wochen später das Gegenteil. Die gleichen Gesichter, die gleichen Sendeplätze, die gleichen ernsthaften Mienen – und eine komplett neue Meinung. Man nennt das Journalismus. Ich nenne es die Windfahne der Prognosen. Wer sich daran orientiert, ist fremdbestimmt. Und geht zu Grunde. Punkt.
„Hat jemand, der seit zwanzig Jahren regelmässig dieselben Unternehmen hält und Dividenden kassiert, ein Timing-Problem – wohl kaum.“
Lang-fristigkeit. Also die Fristigkeit des Langen. Der Horizont, der weit genug entfernt ist, um kurzfristige Bewegungen als das zu sehen, was sie sind: Rauschen. Nicht Signale. Wer das versteht, also wirklich versteht und nicht nur nickt, wenn er es liest – der hat einen echten Vorteil an der Börse. Und zwar einen dauerhaften.
Was heisst das konkret. Es heisst:
- Ein Unternehmen zu kaufen und zu halten, nicht weil man zu bequem zum Verkaufen ist, sondern weil man dem Unternehmen und seinen langfristigen Ertragsaussichten vertraut.
- Kursrückgänge nicht als Katastrophe sehen, sondern ev. als Möglichkeit, nachzukaufen – wenn meine Analyse stimmt.
- Das Investitionstagebuch nicht als Buchhaltung führen, sondern als ehrliche Aufzeichnung der eigenen Entscheidungen und der Gründe dahinter.
- Und schlussendlich immer systematisch Bargeld aufzubauen, damnit Krisen auch wirklich zu Chancen werden können.
Ich kenne jemanden, der seit über zwanzig Jahren dieselben sieben Unternehmen hält. Er hat in dieser Zeit weder eine Finanzkrise, einen Crash noch eine Pandemie zum Anlass genommen, sein System zu verlassen. Er hat nur immer systematisch Bargeld aufgebaut, Positionen nachgekauft und Schritt für Schritt dieselben ausgebaut.
Dieser Mann ist kein Genie. Er ist auch kein Glückspilz. Er ist einfach jemand, der sich selber vertraut. Der seine Strategie versteht und ihr folgt. Und jemand, der gelernt hat, mit dem Unbehagen des Wartens zu leben – nämlich so, dass er es irgendwann nicht mehr als Unbehagen empfindet.
Über seinen Aktienanteil bezieht er seit Jahren Dividenden und reinvestiert sie. Klingt einfach. Ist es auch. Machen tut es trotzdem fast keiner. Des weiteren, über Edelmetalle hat er einen Teil im Werterhalt abgesichert und mit Rohstoffen spielt er die Inflation. Ausgewählte Anleihen geben einen stabilen Return und Kryptos sind die kleine Spekulation.
Jemand fragte mich einmal, was der grösste Fehler junger Anleger sei. Ich sagte: „Sie unterschätzen, wie langweilig erfolgreiches Investieren ist.“ Das wollte er nicht hören. Er wollte eine Liste. Techniken. Indikatoren. Den heiligen Gral.
Wie immer: Lesen, Youtube-Filmchen schauen, Lesen, Podcast-Hören, Lesen, Fingernägel kauen, Lesen, noch ein Webinar, Lesen etc. – und am Ende doch wieder müde und erschlagen, kaufen um nach drei Wochen wieder zu verkaufen. Weil es sich für innerlich getriebene Menschen irgendwie falsch anfühlt, einfach zu warten.
Das Gefühl lügt also. Nein. Nicht immer. Aber in diesen Punkten fast immer. Unser Reptiliengehirn. Beispiel: Das Gefühl sagt Verkaufen. Meistens sollte man dann aber Kaufen. Und wenn es sagt, jetzt aber rein, es läuft davon, sollte man besser nicht kaufen. Das Verhalten der Antizyklik.
Einfache, angewandte Psychologie. Aber es braucht Geduld und Ruhe um es wirklich zu erkennen. Und dazu auch ein ruhiges, praktisches Reifen um es langfristig und in Wiederholung – wirklich profitabel – in meinem Depot anwenden zu können.
„Ver-mögen. Also die Möglichkeit, etwas von Innen zu vermögen, kann nur entstehen, wenn ich es auch wirklich geduldig, entstehen lasse.
Arbeiten Sie an der Geduld. Nicht als Tugend. Als Werkzeug.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen eine bärenstarke Woche, Mut, Sammlung, Konzentration und beste Gesundheit. Bleiben Sie dran, der Rest kommt von allein. Grüsse,… und natürlich wie immer…
Weiterhin viel Erfolg beim Investieren, Nachdenken und beim Vermögensaufbau. Denken Sie viel über Ihr strategisches Vorgehen nach, es lohnt sich.
Herzlichst der 5vor12
Mehr zu unserer Strategie im Buch: 5vor12 – Das Aktien Investing Lernprogramm
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