Ein kleines bisschen mehr, ist immer sehr viel mehr

Diese Rechnung mögen die wenigsten, wenn sie sie zum ersten Mal sehen. Warum. Weil sie zeigt, wie viel Zeit sie schon verblödet haben. Zinseszins klingt nach Schulstoff, nach einer drögen Formel aus der Kantonsschule. Ist es aber nicht. Es ist die stillste Kraft, die es am Marktplatz Börse gibt. Die wenigsten bemerken sie am Anfang.

 

„Zinseszins ist keine Formel – es ist Geduld, die für Sie weiterarbeitet, auch wenn Sie schlafen“

 

Was die wenigsten wissen: Es braucht nicht einmal ein grosses Startkapital. Es braucht lediglich Regelmässigkeit und, das wird oft übersehen, den Mut, die Nachkäufe Jahr für Jahr ev. nur um ein kleines bisschen anzuheben. Nicht viel. Ein paar Prozent. Und sie mit System, auch wirklich zu tätigen. Diese Nachkäufe. Auch wenn es crasht.

Klingt banal. Ist es auch. Der Unterschied zeigt sich erst nach zwanzig, dreissig Jahren. Wir leben in einer Zeit, die das genaue Gegenteil predigt. Alles soll schnell gehen, sprich: schneller Erfolg, schnelle Renditen, am liebsten über Nacht. Spekulative Kryptowährungen, Optionsscheine, irgendwelche Handelssignale.

Wer heute von vierzig Jahren Geduld spricht, ob Lehrling oder Chef, wird schräg angeschaut. Fast wie ein Relikt aus einer anderen Zeit. Dabei ist genau das der Punkt, den kaum einer mehr aushält: dass die grösste Kraft am Marktplatz Börse eben nicht Geschwindigkeit ist, sondern die Zeit, die man ihr gibt.

Der Mangel an Geduld, wohlgemerkt, ist heute leider schon zum Standard geworden, nicht die Ausnahme. Man will jung bleiben, nicht altern. Geld bekommen für nichts tun. Machen, was man will, ohne die eigenen Folgen zu tragen etc. Alles immer nur unbewusste Vermeidung. Vermeidung der Ebene Zeit, die irgendwann ausgeschöpft ist.

Dann merke ich, was alles unötig und Zeitvertreib war. Das meiste. Dann mit 50 erkenne ich plötzlich die Kraft des Zinseszinses. Und dass es mit 20 und mit allem anderen Drumherum, auch möglich gewesen wäre. Das nennt man dann Lebenserfahrung. Mancher nennt das auch Reue.

Nehmen wir an, jemand beginnt mit fünfhundert Franken im Monat, also sechstausend Franken im ersten Jahr und hebt diesen Betrag jedes Jahr um drei Prozent an. Bei einer durchschnittlichen Rendite von sieben Prozent über vierzig Jahre, wohlgemerkt ein Rechenbeispiel und keine Prognose, ergibt das am Ende ein ca. Vermögen von rund 1,8 Millionen Franken. Eingezahlt hat diese Person davon lediglich rund 452’000 Franken. Der Rest, rund 1,3 Millionen, hat der Zinseszins alleine erarbeitet.

  • Nach 10 Jahren: rund 96’000 SFr., eingezahlt rund 69’000
  • Nach 20 Jahren: rund 319’000 SFr., eingezahlt rund 161’000
  • Nach 30 Jahren: rund 802’000 SFr., eigezahlt rund 285’000
  • Nach 40 Jahren: rund 1,8 Millionen SFr., eingezahlt ca 452’000

Ohne die jährliche Erhöhung, bei gleichbleibendem Betrag, wären es nach vierzig Jahren lediglich etwa 1,2 Millionen gewesen. Regelmässig und systematisch mehr zu investieren kann langfristig also einen erheblichen Effekt haben. Zusätzlich zum Zinseszinseffekt.

 

„Der Unterschied zwischen gleichbleibend und jährlich ein bisschen mehr ist am Ende oft ein halbes Vermögen und kostet Sie im ersten Jahr nicht mehr als eine Zeitungsabo-Erhöhung“

 

Ein Kind wächst nicht sichtbar, jeden Tag. Man merkt es erst, wenn die Hosen plötzlich nicht mehr passen. Beim Vermögen ist es genau gleich. Die ersten zehn, fünfzehn Jahre passiert scheinbar wenig. Und dann, irgendwann, passt die Hose nicht mehr.

Ver-mehren, das Wort, wenn man es auseinandernimmt, heisst nichts anderes als mehren, was schon da ist. Nicht etwas Neues erschaffen, einfach mehr werden lassen, was bereits existiert.

Ein Leser dieses Blogs, der mir seit Beginn 2009 gelegentlich schreibt, hat vor rund fünfzehn Jahren mit hundertfünfzig Franken im Monat angefangen, mehr lag damals einfach nicht drin, er war noch mitten in der Ausbildung. Heute, mit besserem Lohn, ist er bei knapp sechshundert. Nicht auf einen Schlag erhöht, sondern jedes Jahr ein kleines Stück, meistens im Januar, wie er mir schrieb, fast schon ein kleines Ritual. Er meinte neulich, er merke den Unterschied im Alltag kaum, aber auf dem Kontoauszug umso mehr.

Geduld, in Zahlen übersetzt. Und, ja, ich weiss, so ein Rechenbeispiel mit sieben Prozent über vierzig Jahre klingt am Papier immer schöner, als es sich in echten, schlechten Börsenjahren anfühlt, das streite ich gar nicht ab, man muss es trotzdem einfach mal gesehen haben, um zu verstehen, worum es überhaupt geht. Rechenbeispiele sind und bleiben immer Rechenbeispiele. Wer aber die psychischen Vorausetzungen für eigenes Handeln nicht mitbringt, wird es schwer haben den Sinn dieser Berechnungen zu verstehen und diesselben auch in langfristige und systemische Investitionen umzusetzen. Der Antrieb kommt immer nur von innen.

 

„Sie müssen den Markt nicht schlagen. Sie müssen nur lange genug dabeibleiben und Jahr für Jahr ein bisschen mehr investieren“

 

Was hilft, ist ein fester Nachkauf-Rhythmus, in Eigenregie festgelegt, und eine kleine Regel für sich selber: die Sparbeiträge einmal im Jahr überprüfen und, wenn es der Lohn zulässt, allfällig um ein, zwei, drei Prozent anheben. Mehr braucht es nicht.

Strategie-Treu zu bleiben bedeutet hier vor allem eines: nicht nachzurechnen an jedem roten Tag, sondern weiterzumachen. Bargeld aufbauen, Unternehmen mit sehr guten langfristigen Ertragsausichten und Dividenden kaufen, die Nachkäufe grad ein bisschen erhöhen, wenn es das Budget zulässt, und den Rest der Zeit überlassen.

Über die psychische Stärke, die es dafür braucht, habe ich hier ja erst vor Kurzem geschrieben. Diese Rechnung hier ist im Grunde einfach der Beweis dafür, was diese Geduld am Ende wert ist. Und mein Geschriebenes ersetzen keine persönliche Finanzplanung, aber sie zeigen, wohin die Reise gehen kann, wenn man sie nur lange genug geht. Und hoffentlich auch beginnt.

 

„Ein bisschen mehr, Jahr für Jahr, ist die leiseste und zugleich wirksamste Entscheidung, die Sie an der Börse treffen können“

 

Erhöhen Sie dieses Jahr. Auch wenn es nur wenig ist.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen ein tolle Woche, viel innere Grösse, gute Sammlung und nur allerbeste Gesundheit. Bleiben Sie dran, der Rest kommt von allein. Grüsse,… und natürlich wie immer…

Weiterhin viel Erfolg beim Investieren, Nachdenken und beim Vermögensaufbau. Denken Sie viel über Ihr strategisches Vorgehen nach, es lohnt sich.

Herzlichst der 5vor12

Mehr zu unserer Strategie im Buch: 5vor12 – Das Aktien Investing Lernprogramm

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