Weniger. Das ist das unbeliebteste Wort an der Börse. Alle wollen immer mehr. Mehr Unternehmen. Mehr Diversifikation. Mehr Absicherung. Mehr Optionen. Mehr Meinungen. Mehr Analysen. Mehr Beruhigung.
Und am Ende haben dann auch alle immer mehr. Aber was haben sie mehr. Genau, mehr Mittelmässigkeit. Weil man sich so sehr abgesichert hat, dass nichts mehr, aber wirklich nichts mehr, wirklich wirken kann.
„Wer alles ein bisschen hält, hält eigentlich nichts. Das ist keine Strategie – das ist organisiertes Nichtwissen.“
Philip Fisher hat das anders gesehen. Der amerikanische Investor – er schrieb sein bekanntestes Buch „Common Stocks and Uncommon Profits“ 1958, also in einer Zeit, wo es kein Internet gab, keine Bloomberg-Terminals, keine Apps – kam zu einem Schluss, der damals unbequem war und heute noch unbequemer ist: Wer wirklich versteht, was er kauft, braucht nicht viele Unternehmen. Er braucht die richtigen. Und von denen gibt es nicht so viele.
Fokussiertes Investieren. Also der Fokus auf das Investieren. Die Konzentration auf das Wesentliche. Fisher hielt in seinen besten Jahren eine Handvoll Unternehmen – manchmal sogar weniger als zehn. Er kannte sie von innen. Er sprach mit Managern, mit Konkurrenten, mit Lieferanten, mit Kunden. Er nannte das die „Scuttlebutt“-Methode – also das Zusammentragen von Informationen aus dem direkten Umfeld eines Unternehmens. Nicht Zahlen zuerst. Qualität zuerst.
Ja, ich höre den Einwand. Klumpenrisiko. Zu wenig Streuung. Was, wenn eines der Unternehmen scheitert. Das sind allfällige berechtigte Fragen. Aber sie setzen voraus, dass man die Unternehmen nicht wirklich kennt. Fisher’s Antwort darauf war klar: Wenn man ein Unternehmen wirklich kennt – das Geschäftsmodell, das Management, die Wettbewerbsposition, die langfristigen Ertragsaussichten – dann ist das Risiko nicht höher als bei zwanzig Unternehmen, die man nur oberflächlich versteht. Im Gegenteil.
„Sind denn alle blöd, die sich nur auf einige wenige, gute Unternehmen konzentriert haben – Nein, garantiert nicht.“
Der Bruder meines Vaters, eine älterer Handwerksmeister, hatte sein ganzes Berufsleben lang ein einziges Handwerk betrieben. Er kannte jeden Winkel seines Fachgebiets. Er wusste, wann ein Lehrling Potenzial hatte und wann nicht. Er wusste, welche Materialien langfristig hielten und welche nicht. Er wusste, welche Kunden verlässlich zahlten und welche nicht.
Und dann – an der Börse – plötzlich wollte er vierzig Unternehmen halten, aus zwölf verschiedenen Branchen, auf drei Kontinenten. Mein Vater fragte ihn: Kennst du auch nur ein Unternehmen so gut wie dein eigenes Handwerk. Dann sagte er: „Nein, auf keinen Fall, keines.“ Das war der Moment, wo er wirklich anfing zu verstehen, dass Investieren das gleiche Investieren wie in seiner eigenen Firma ist. Wer Unternehmen hält ist Unternehmer.
Fisher unterschied zwischen zwei Arten von Investoren. Die einen kaufen, weil die Zahlen stimmen. Die anderen kaufen, weil sie das Unternehmen verstehen. Das ist ein fundamentaler Unterschied. Zahlen beschreiben die Vergangenheit. Ein Unternehmen, das man wirklich versteht – sein Management, seine Kultur, seine Innovationskraft, seine Stellung im Markt – das beschreibt die Zukunft. Und an der Börse kauft man immer die Zukunft. Nicht die Vergangenheit.
Die Frage, die Fisher stellte, bevor er kaufte, war nicht: Ist die Aktie günstig. Die Frage war: Ist dieses Unternehmen in fünf, zehn, zwanzig Jahren noch stärker als heute. Und wenn ja: Warum. Konkret. Nicht als Bauchgefühl. Als begründetes Urteil. Charly Munger, der verstorbene Patner von Warren Buffett, hat diesen Ansatz sehr stark vertreten und in ihr Team eingebracht.
Das setzt Arbeit voraus. Echte Arbeit. Nicht das bequeme Lesen von Analystenberichten, Youtube-Filme schauen, Podcast-Hören, Kursziele abtippen und dann auf den Kaufknopf drücken. Nein. Verstehen. Das Unternehmen so lange durchdenken, bis man es einem zehnjährigen Kind erklären kann. Was verkauft dieses Unternehmen. Wer kauft es. Warum kauft man dort und nicht beim Konkurrenten. Was passiert, wenn der Gründer morgen nicht mehr da ist.
Klingt aufwendig. Ist es auch. Aber Fisher’s These war: Wer diese Arbeit macht, muss sie nicht bei zwanzig Unternehmen machen. Es reichen fünf. Oder acht. Oder zehn. Wer fünf Unternehmen wirklich kennt, schläft ruhiger als jemand, der dreissig Unternehmen oberflächlich besitzt und bei jeder Schlagzeile nicht weiss, ob er jetzt Angst haben soll oder nicht.
Und hier liegt auch der Brückenschlag zur Psychologie – und ich habe in den letzten Beiträgen immer wieder betont, dass die Psychologie an der Börse die entscheidende Rolle spielt. Wer seine Unternehmen kennt, hat keine zittrigen Hände, wenn der Kurs fällt. Er hat ev. sogar freudige Hände – weil er weiss, dass er nun günstiger nachkaufen kann. Wer seine Unternehmen nicht kennt, verkauft beim ersten Rückgang. Weil er nichts hat, woran er sich festhalten kann. Weil kein Verständnis da ist. Nur ein Kurs.
Ver-stehen. Also einen Stand haben. Unter etwas stehen, es tragen können. Wer ein Unternehmen versteht, kann es auch tragen – durch Krisen, durch Kursverluste, durch schlechte Quartale. Wer es nicht versteht, trägt es nicht. Der lässt es fallen, sobald es schwer wird.
Was heisst das für den eigenen Vermögensaufbau in Eigenregie:
- Lieber fünf Unternehmen wirklich kennen als zwanzig oberflächlich besitzen, z. Bsp. das Geschäftsmodell, die langfristigen Gewinnausichten, die wichtigsten Konkurrenten, das Management, die Dividendenhistorie etc. Verstehen, bevor man kauft.
- Die Fisher-Frage vor jedem Kauf stellen: Ist dieses Unternehmen in zehn Jahren stärker als heute, und kann ich begründen warum, nicht mit einem Bauchgefühl, sondern mit einem Argument.
- Im Investitionstagebuch nicht nur den Einstiegskurs, sondern die Antworten auf diese Fragen festhalten, damit man in einer Krise nachlesen kann, warum man überhaupt dabei ist.
Fisher selber hielt Unternehmen sehr lange. Er kaufte und verkaufte so gut wie nie. Er hatte dadurch auch immer wieder höhere Schwankungen, aber auch höhere Renditen. Schwankungen waren für ihn aber keine Risiken. Risiken waren für ihn nur die Unwissenheitem und das Nicht-Bescheid-Wissen über das Investment.
Er hatte aber ganz klare Verkaufssignale. Dann nämlich, wenn der langfristige Kaufgrund nicht mehr gegeben war. Oder das Unternehmen krank wurde. Das ist fokussiertes Investieren in seiner reinsten Form. Er tat das nicht, weil er faul war. Sondern, weil er überzeugt war und weil er das Unternehmen kannte. Und, weil er dem Management vertraute und genau wusste, was er da im Depot hatte.
Nun, natürlich ist das ist nicht für jeden das Richtige. Merken Sie sich das gut. Wer keine Zeit hat, Unternehmen zu verstehen – wer das nicht will oder nicht kann – der sollte das ehrlich sagen und einen anderen Weg wählen. Kein Problem. Es gibt genügend Wege. Aber wer an der Börse in Eigenregie tätig ist und trotzdem nicht weiss, was er hält – der hat ein Problem. Und zwar kein kleines.
„Fokussieren ist nicht alles auf einen Titel zu setzen – Fokussieren ist der Mut zur Tiefe. Das ist etwas völlig anderes.“
Bleiben Sie auf Ihren Füssen, sie haben nur diese. Und kennen Sie, was Sie halten. Das ist die Basis im Investieren. Und nur das ist Investieren. Und das ist auch die Basis der 5vor12-Methode zu Investieren. Nicht mehr, nicht weniger. Grundlagen, Basis, Verstehen, Tun. Alles andere ist Glücksspiel.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen ein starke Woche, Mut, Sammlung, Konzentration und beste Gesundheit. Bleiben Sie dran, der Rest kommt von allein. Grüsse,… und natürlich wie immer…
Weiterhin viel Erfolg beim Investieren, Nachdenken und beim Vermögensaufbau. Denken Sie viel über Ihr strategisches Vorgehen nach, es lohnt sich.
Herzlichst der 5vor12
Mehr zu unserer Strategie im Buch: 5vor12 – Das Aktien Investing Lernprogramm
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